Die therapeutische Abstinenz: Warum Sie von mir nur Smalltalk bekommen
Zu Beginn einer Therapiesitzung werde ich manchmal von Patient:innen gefragt, wie es mir so gehe. Im regulären sozialen Umfeld ist das eine unverfängliche Frage, die unter anderem Höflichkeit suggeriert. „Und, wie geht es Ihnen, Frau Miro?“ oder auch „Und, wie war Ihr Urlaub?“. Meine Antwort darauf wird immer mit einem Lächeln begleitet sein und stets auch gleich lauten: „Sie wissen schon, dass Sie von mir keine ehrliche Antwort bekommen?“
Dass unser Gegenüber mit persönlichen Informationen weitestgehend zurückhält, während Sie all Ihr Inneres ins Außen bringen, wir gemeinsam Ihr Empfinden, Ihre Gedanken und Ihr Leben betrachten, das kann sich wirklich seltsam anfühlen. Das, was hier entsteht, nennen wir in der Psychotherapie „strukturelles Machtgefälle“. Die therapeutische Beziehung, das heißt die Arbeitsebene und die Verbindung zwischen Patient:in und Therapeut:in, wird somit asymmetrisch. Kurz gefasst: Ich weiß alles von Ihnen, Sie wissen nichts von mir.
Damit Sie trotz dieser Asymmetrie einen geschützten Raum haben, in dem Sie sich wirklich gut aufgehoben fühlen können, gibt es unter anderem das Prinzip der „Therapeutischen Abstinenz“. Diese Regeln sind in der Musterberufsordnung der Bundespsychotherapeutenkammer unter §6 klar festgeschrieben und beinhalten unter anderem den Absatz 2: “[Psychotherapeuten] dürfen die Vertrauensbeziehung von Patienten nicht zur Befriedigung eigener Interessen und Bedürfnisse missbrauchen.“
Das klingt zunächst seltsam - Wer würde das schon tun? - in der Praxis zeigen sich dann häufig aber doch Situationen, in denen diese verletzliche und schützenswerte therapeutische Beziehung für die eigenen Belange der:des Therapeut:in ausgenutzt werden. Beispiele sind u.a. die Annahme von Geschenken, die Aufnahme privater Beziehungen außerhalb der Therapie oder auch die Annahme von Dienstleistungen, wie Haushaltsreinigung oder ähnlichem.
[Quelle: Bührung, Petra (2019): Grenzverletzungen in der Psychotherapie: Strukturelles Machtgefälle, in: Deutsches Ärzteblatt PP, 10/2019]
Lassen Sie uns das einfach mal durchspielen. Zu Beginn würde ich noch freundlich und kurz antworten: „Mein Urlaub war toll, es war etwas verregnet, aber mit der richtigen Kleidung passte das schon.“ Bisher unproblematisch, oder? Irgendwann kennen wir uns dann etwas besser und Sie erwischen mich mit Ihrer Frage in einer Woche, in der ich wirklich sehr im Stress bin, privat wie auch beruflich einiges los ist und ich lasse mich zu einer sehr ehrlichen Antwort verleiten. Ich plaudere dann also doch etwas mehr aus meinem eigenen Nähkästchen und nehme so wertvolle Minuten Ihrer Zeit in Anspruch, um meinem Bedürfnis nach Gehör und Verständnis nachzukommen. Schon geraten wir in eine Schieflage. Bei Ihrem nächsten Einkauf denken Sie wohlmöglich noch an unser Gespräch und wie viel Stress ich so im Alltag habe und Sie bringen mir einen Tee mit. „Nur eine Kleinigkeit“, werden Sie denken. Wie es weitergehen kann, können Sie sich nun ausmalen…
So gilt bei der therapeutischen Abstinenz für mich persönlich der Grundsatz: Währet den Anfängen! Wenn ich also auf Ihre Frage nach meinem Befinden lediglich antworte „Gut, vielen Dank, wie geht es Ihnen denn?“, ich Ihre Geschenke ablehne und auch ablehne, das „Du“ als Anrede zu wählen und Sie beim Vornamen zu nennen oder auch nicht „den einen Kaffee“ mit Ihnen trinke, dann seien Sie sich sicher: Ich achte die Grenzen unserer therapeutischen Beziehung an den Stellen, an denen Sie die Konsequenzen vielleicht noch nicht abschätzen können, sodass wir auch langfristig sehr sicher und geschützt miteinander wirksam an Ihrer Veränderung arbeiten können.
Denn auch das ist irgendwie ein Schlüssel von Psychotherapie: Es geht 50 Minuten wirklich nur um Sie! Im therapeutischen Raum müssen Sie sich nicht sorgen, dem Gegenüber zur Last zu fallen, zu viel Raum zu beanspruchen oder die interne Uhr mitlaufen zu lassen, damit für das Gegenüber „auch noch etwas übrig bleibt“.
Ich lade Sie ein, sich ein Stück weit von den sozialen Normen des Small Talks zu distanzieren - auch wenn am Ende vielleicht ein wenig der Neugier bleibt, wie es eigentlich der:dem Therapeut:in so wirklich und echt gehen mag.
Titelbild: Foto von Anh Tuan To auf Unsplash

